Was ist Akupunktur?

Akupunktur ist nachweislich eine der ältesten alternativmedizinischen Behandlungsmethoden der Welt. Viele Menschen mit chronischen Schmerzen schwören auf Akupunktur – auch zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit der Akupunktur.
Im Interview mit Gesundheitsreise.de erklärt Dr. med. Alexander Simon, Allgemeinmediziner mit Akupunktur-Zusatzausbildung, wie Akupunktur wirkt und welche Krankheiten sie besonders lindert bzw. heilt.

Gesundheitsreise.de: Wie genau wirkt Akupunktur?

Dr. Simon: Die Akupunktur ist bei uns das bekannteste und meist verbreitete Therapieverfahren der Chinesischen Medizin. In China selbst macht die Akupunktur jedoch nur ca. 20 % aller Behandlungen aus. Prinzip der Akupunktur ist es, durch einen physikalischen Reiz an einem definierten Punkt (mit Nadel oder Moxa), Einfluss auf die zirkulierende Energie zu nehmen. Mit Moxa (Verbrennen von Beifußkraut) wird eine Energie zuführende, wärmende und schmerzstillende Wirkung erreicht. Die meisten der ca. 400 klassischen Akupunkturpunkte am Körper sind anatomisch tastbare Vertiefungen. Im Verlauf einer circa halbstündigen Behandlung werden zwischen 1 und 20 Punkte stimuliert. Die Anzahl der Behandlungen ist abhängig von der Erkrankung und deren Verlauf.

Die Energien (z.B. Qi und Xue) fließen im Körper in so genannten Leitbahnen. Ein Bild hierfür ist ein komplexes Rohrsystem mit vielen regulierbaren Ventilen, den Akupunkturpunkten. Der Energiefluss kann zum Beispiel blockiert, verlangsamt, beschleunigt oder völlig fehlgeleitet sein (bei Erbrechen zum Beispiel in die entgegengesetzte Richtung). Jeder Akupunkturpunkt kann per Definition den Energiefluss (lokal oder im ganzen Körper) auf eine bestimmte Art verändern. Deshalb werden die Nadeln oft nicht an den vermeintlich erkrankten Stellen gesetzt, sondern man kann zum Beispiel mit Punkten an Fuß oder Hand, Schulterprobleme behandeln. Neben der klassischen, chinesischen Körperakupunktur gibt es heutzutage auch andere Arten der Akupunktur, die zum Beispiel nur einzelne Körperregionen (am bekanntesten ist das Ohr, aber auch Hand, Fuß und andere Regionen) benutzen und dadurch Wirkungen auf den ganzen Körper erzielen. Die Manipulation an den Punkten wird heute auch mit Laser, Strom oder Injektion von Arzneimitteln durchgeführt. Dies hat mit klassischer Chinesischer Medizin nur noch wenig zu tun. Die Behandlung geschieht im Liegen mit feinen, sterilen Einmalnadeln. Der Einstich kann einen leichten Schmerz verursachen. Die Nadeln werden dann belassen und eventuell im Verlauf noch manipuliert. Nebenwirkungen treten bei Behandlung durch einen sorgfältig ausgebildeten Arzt äußerst selten auf.

Ist die Wirkung von Dauer? Wie viele Sitzungen braucht es für einen nachhaltigen Effekt?

Der Effekt ist zu Beginn der Behandlung oft zeitlich begrenzt. Idealerweise sollte im Rahmen der Schmerzakupunktur bei der Folgebehandlung die Schmerzstärke noch nicht auf das Niveau von vor der Therapie zurückgekehrt sein.  Mit zunehmender Behandlungsdauer lässt sich der Therapieerfolg steigern und stabilisieren. In groß angelegten Beobachtungsstudien, innerhalb welcher Patienten 12-15 mal mit Akupunktur behandelt wurden und nach 6 und 12 Monaten nachuntersucht wurden, konnte man nachweisen,  dass dieser sehr häufig auch nachhaltig ist.

Für welche Erkrankungen eignet sich Akupunktur?

Die häufigste Indikation zur Akupunktur sind Schmerzprobleme. Außer bei Schmerzen ist sie auch bei Allergien und Asthma, Infekten, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen und einer Vielzahl anderer organischer und funktioneller Beschwerden sehr wirksam.

Bei welchen Indikationen ist sie nicht empfehlenswert?

Bei akuten Psychosen, nach bestimmten Traumatisierungen, bei erheblicher Einschränkung der Blutgerinnung, direkt an einem Entzündungsherd und bei zu stark erschöpften Patienten. Hier kommt die medikamentöse Therapie zum Einsatz.

Viele Schulmediziner sind der Ansicht, dass die Wirkung von Akupunktur auf einem Placeboeffekt beruht. Wie begegnen Sie solchen Aussagen?

Es gibt mittlerweile hervorragend angelegte Studien, die zeigen konnten, dass Akupunktur weit über den Placeboeffekt hinausgeht. Studien, die keinen deutlichen Unterschied zwischen Akupunktur und  Minimalakupunktur zeigten,  z.B die Migränestudie , hatten nicht berücksichtigt, dass die Kontrollgruppe auf den muskuloskelettalen Leitbahnen behandelt wurde. Neue Studien begehen diesen „Design-Fehler“ nicht mehr.
Ganz abgesehen davon kann man mit Akupunktur ganz offensichtlich den höchsten Placeboeffekt  erhalten und man wäre fahrlässig, diesen Vorteil nicht zu nutzen.

Werden die Kosten einer Akupunktur von Krankenkassen übernommen?

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen bei Erfüllung bestimmter Kriterien für die Behandlung von chronischen Schmerzen im Lendenwirbelsäulenbereich und bei Kniegelenksarthrose. Die Bezahlung für den Kassenarzt ist festgelegt und  es ist nicht zulässig, dass zwischen Patient und Arzt eine Aufstockung des Betrages vereinbart wird. Die wünschenswerte Intensität und Individualität des Behandlungsregimes kann dadurch eingeschränkt sein. Von der überwiegenden Mehrheit der privaten Krankenkassen und Zusatzversicherungen werden die Kosten für Akupunktur vollständig erstattet.

Dr. med. Alexander Simon ist Allgemeinmediziner mit einer Zusatzausbildung in Akupunktur. Die Ausbildung in chinesischer Medizin absolvierte er bei international renommierten TCM-Ärzten. Seit 2007 leitet er den Qualitätszirkel für Allgemeinmedizin, TCM, Akupunktur, Schmerzbehandlung in München. Zudem leitet er das Zentrum für Chinesische Medizin am Zimmerbergspital in Zürich-Horgen und ist außerdem als TCM-Arzt in der Praxis Dr. Hempen & Kollegen in München tätig. Ab Januar 2013 wird er zusätzlich eine eigene Praxis in Prien am Chiemsee betreiben.

Ein Gedanke zu „Was ist Akupunktur?

  1. Arzt Thal Begeisterter

    Gerade die nachhaltige Therapie mit Akupunktur ist sehr wichtig. Oftmals gibt es aber regional nur wenige Akupunkteure, wodurch der Aufwand meiste gross ist. Vor allem auf dem Land. Besonders gut ist es, wenn die eigene Hausarzt Praxis die Akupunktur direkt mit anbietet. So hat man bei seinem Arzt nicht nur die Allgemeinmedizin, sondern man kann sich sicher sein, das dieser auch über den Tellerrand schaut.

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